1944. Ein junger Mann, 18 Jahre alt, lebt in Prag. Er steht stellvertretend für die politisch Verfolgten während der NS-Regierung. Er ist Teil einer Organisation, welche die Bevölkerung über die Judenvergasung aufklärt. In dieser Nacht wird er verhaftet und zusammen mit 70 bis 80 Menschen in einem Waggon weggebracht. Noch weiß er nicht, wohin. Eine Woche später kommt er an einem Bahnhof an, wird mit den Anderen aus dem Waggon zu den Registraturbaracken gedrängt und bekommt dort eine Nummer und einen roten Winkel – er ist ein politischer Gegner, der sich jetzt im Konzentrationslager Neuengamme befindet. Jetzt beginnen die schlimmsten Monate seines Lebens: Schlafen in einer stickigen, stinkenden Holzbaracke, zusammen mit zwei Anderen in einem Bett. 12 Stunden Arbeit in der Tongrube, später in der ,,Verwaltung Deutsche Stein und Erde“. Täglich sterben Mithäftlinge. Kälte, Hunger, Schmerzen und Unmenschlichkeit.
Am 05.02.2026 besuchten wir, die 10. Klassen, das Konzentrations- bzw. Arbeitslager Neuengamme im Rahmen des Geschichtsunterrichtes. So wie dem jungen Mann im Beispiel und teilweise noch viel schlimmer, erging es dort über 100.000 Menschen aus über 12 verschiedenen Ländern. Ab 1938 war das Konzentrationslager Neuengamme aktiv, ab 1940 war es dann eigenständig mit etwa 80 Außenlagern. Nicht nur politisch Verfolgte, sondern auch Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Swing Kids und viele weitere Menschengruppen, die von der SS als wertlos angesehen wurden, arbeiteten und starben hier. Die Arbeit bestand aus extremen körperlichen Aufgaben unter härtesten Bedingungen. Dazu zählten u.a. die Arbeit in der Tongrube, im Klinkerwerk, in Metallwerken wie den ,,Walther Werken“ und das Ausbauen eines Kanals. In unserer privilegierten Situation ist es unmöglich, sich dieses entwürdigende Leid
vorzustellen: Wie muss es den 100.000 Häftlingen bloß ohne richtige Kleidung, mit ständigem Hunger, unter Schmerzen und ums Überleben kämpfend ergangen sein? Die Holzbaracken, in denen die Häftlinge geschlafen haben, wurden abgebrannt, aber dank Steinumrandungen können wir uns zumindest die Größe der Baracken vorstellen. Sie wirken viel zu klein für rund 300 bis 700 Menschen pro Baracke. Krankheiten breiteten sich schnell aus, doch in die Krankenbaracke wollte man nur im größten Notfall gehen. Denn dort wurden Versuche an den Häftlingen durchgeführt, anstatt dass ihnen geholfen wurde.
Eine Baracke, die auch heute noch steht, ist eine kleinere, die zur besonderen Bestrafung diente. Kleine, dunkle Zellen und Gewalt. Aber vor allem wurde hier zum ersten Mal die Vergasung mit Zyklon B, welches später zum Hauptmittel für die Massenmorde wurde, getestet. Uns wird auch der Ort gezeigt, an dem die SS-Soldaten gewohnt haben. Es ist gruselig und wirkt fast schon unwirklich, dass sie sich nur wenige Meter hinter dem Stromzaun befanden und trotzdem so anders lebten. Hier gab es Privatsphäre, Wärme und gutes Essen. Am Ende unserer Führung besuchen wir noch das Haus des Gedenkens. An den Wänden dieses Hauses hängen Listen mit den Namen derer, die im Konzentrationslager Neuengamme zwischen 1938 bis 1945 ums Leben kamen. Die Namen derer, die unter der SS-Regierung im schlimmsten Sinne litten.
Diese und die vielen anderen Millionen von Menschen, die in den anderen Konzentrationslagern ihr Leben lassen mussten, dürfen wir auch heute nicht vergessen. Denn wir tragen die Verantwortung dafür, dass sich so eine schreckliches, entmenschlichendes und faschistisch veranlagtes Ereignis nicht wiederholt. Wenn Margot Friedländer, als Holocaust-Überlebende, also sagt: ,,Es gibt nur menschliches Blut‘‘, sollte jeder und jede von uns ihr Anliegen nicht nur anhören, sondern als einen Auftrag verstehen.
Verfasst von: Juli Bernhardt (10FS)




